Flugbericht 1


Pilot: Ruprecht Sternagel
Flugzeug: LS 8 15m
Datum des Fluges: 05.08.2020
Startplatz: Eisenhüttenstadt
Strecke: 360km FAI-Dreieck
OLC: https://www.onlinecontest.org/olc-3.0/gliding/flightinfo.html?dsId=8072666





Nach kurzem Wettercheck entscheide ich mich heute für ein Dreieck mit den Wendepunkten Rothenburg bei Görlitz im Süden, Falkenberg im Westen und Frankfurt an der Oder im Norden. Schon nach dem Ausklinken geht es um 12:40 ohne Übergang mit 2,5m auf 1700 m unter eine dünne Cumuluswolke. Was für ein Auftakt! Die erste Wende liegt südlich, also gleich auf Kurs 170 gedreht und über das Stahlwerk von Eisenhüttenstadt hinweg und am Grenzstädtchen Guben vorbei Kurs auf den Flugplatz Rothenburg/Görlitz.





Foto: Flugplatz Eisenhüttenstadt nach dem Start, unten die Startstelle 29




Unter 2/8 Cu mit geraden Unterkanten lässt es sich angenehm vorfliegen. Steigwerte von 2,5-3 m/s machen richtig Spaß. Rechts vom Flieger ziehen in der Ferne zwischen Cottbus und Forst in der Lausitz gigantische Tagebaue vorbei. Der Kurs führt seit Guben nun grenznah durch Polen. Am Rand der EDR76, einem weithin sichtbarem Truppenübungsplatz rund 80 km südlich Eisenhüttenstadt stehen schöne Cumuluswolken. Auf 1800m geht  es wieder über die Grenze nach Deutschland zurück, ein langes Betonband kommt unten rechts in Sicht. Es ist die 2000m lange Landebahn vom Flugplatz Rothenburg in der Oberlausitz. Neben der Bahn sehe ich weit unten ein paar Segelflugzeuge und am anderen Platzende einen kleinen Punkt, sollte das etwa die Winde sein, so weit weg? Mir kommt in den Sinn, dass es hier im Osten einige Plätze gibt, die Höhenschlepps machen. Und tatsächlich geht gerade ein Start raus, nach schier unendlichem Steigflug klinkt das Segelflugzeug aus, vielleicht in 1000m. Die Legenden stimmen also, hier geht es an der Winde schnurstracks an die Wolken. Meine 1600m beruhigen mich da etwas, will ich doch „midfield“ nach den ersten knapp 100km über den Platz weg nach Westen wenden. Einige Kilometer weiter westlich finde ich vor einem weiteren Tagebau einen schönen Bart, die Aussicht beim Kurbeln ist beeindruckend. 





Foto: Tagebau in der Oberlausitz aus 1700m




Weiter geht es südlich am Kohlekraftwerk Boxberg vorbei über ein ausgedehntes Seengebiet auf die Stad Hoyerswerda zu. Alles ziemlich große Baggerseen, rund 3-5 km lang, kein Vergleich zu den Pfützen im Rheintal. Ob das viele Wasser auch Aufwinde zulässt? Eher nicht, es geht von 1950m erstmal 20km ohne weitere Aufwinde bis auf 1000m runter, Wolken sind auch erst in der Ferne zu erkennen. 





Foto: Kraftwerk Boxberg aus 1900m




Neben Hoyerswerda geht es dann aber auf einmal unter einem Wölkchen mit konstant über 2m wieder hoch. Ich fliege nördlich an der Luftraumgrenze von Dresden vorbei und sehe am Horizont die letzten Wolken verblassen. Von 1/8 kann hier keine Rede mehr sein, es wird blau. Hinter dem Ort Senftenberg bemerke ich am Boden eine Rennstrecke, das muss der Lausitzring sein. Nach drei Kreisen in einem müden Bärtchen verabschiede ich mich und fliege unter gelegentlichem Kreisen auf meinen zweiten Wendepunkt Falkenberg zu. Der Himmel ist die nächsten 40 km wolkenlos, aber die Aufwinde sind gar nicht mal schlecht. 





Nach der Wende am Flugplatz Falkenberg mühe ich mich weiter im Blauen, sehe aber in der Ferne wieder mehr Cumuli, wenn auch deutlich weniger und dünner als auf dem ersten Schenkel. Zum nächsten Wendepunkt Frankfurt/Oder sind es noch 127 km, mal sehen, wie wir durchkommen. Zwei Bärte im Blauen schicken mich auf entspannende 2150m, das beruhigt. Doch dann kommt auf den nächsten 30km praktisch nichts. Schließlich lange ich beim Örtchen Lübben am nordwestlichen Zipfel des Spreewaldes an. Erinnerungen an eine schöne Kanutour vor zwei Jahren kommen hoch, damals ging es mit meinen beiden Söhnen den ganzen Tag durch die vielen im Wald versteckten Kanäle. Als Ausflugsziel klasse, aber thermisch absolut unergiebig, wie ich gerade zu spüren bekomme. 





Inzwischen nur noch 800m hoch und seit 25min ohne brauchbaren Aufwind, verlasse ich gerade meine persönliche Komfortzone nach unten. Nun heißt es, nach Gelände und Auslösepunkten zu fliegen. Die Felder sind groß hier im Osten, immerhin. Allerdings sind da im August auch die vielen Strohballen, die mehr oder weniger gleichmäßig auf den Feldern rumliegen, und perfekte Außenlandefelder in einen fetten Hindernisparcours verwandeln.   





Einige Windräder auf einem freien Feld rechts vor mir im Luv bringen etwas Bewegung in die Luft. Kaum zu zentrieren, aber wenigstens ein besserer Nullschieber. Ein Meter Steigen wechselt sich mit einem halben Meter Sinken ab, unangenehm. Nach zehn Minuten Sucherei finde ich dann endlich wieder etwas Steigen und es kann weiter gehen, Glück gehabt! Inzwischen ist es 16:40 und die Landschaft wird von der Nachmittagssonne in warmes Licht getaucht. Über die Orte Beeskow und Müllrose gelange ich nun bequem nach Frankfurt an der Oder. Reger Badebetrieb herrscht am Helenesee südlich der Stadt, in dessen Nähe ich wieder auf 1600m steige. Am nördlichen Wendepunkt angekommen nehme ich Kurs auf Eisenhüttenstadt, das im Gleitflug jetzt leicht zu erreichen ist. Über dem Nachbarort Wiesenau, wo ich morgens vor dem Flugbetrieb immer Brötchen hole, geht es um halb sechs nochmals auf 1850m. Ich habe erst 360km geschafft, da liegt es nahe, noch auf 400km zu verlängern. Über das Kloster Neuzelle hinweg fliege ich noch knapp eine knappe halbe Stunde 50km lang Höhe ab und erreiche um 18:00 Eisenhüttenstadt. Die lange Landung auf der 11 ist gewöhnungsbedürftig. Der Gegenanflug führt auf einen ausgedehnten Wald hinaus, gefühlt bis zum Horizont, es empfiehlt sich Platz für einen ordentlichen Queranflug einzuplanen, um den Platz immer gut im Blick zu haben. 





Foto: Ein Meer aus Wald - Eindrehen in den Endteil.




Foto: Die aufgezeichnete Flugstrecke. Das FAI-Dreieck ist gut zu erkennen.




Text & Fotos: Ruprecht Sternagel