Dieser Bericht steht nun bereits seit einem Jahr auf meiner ToDo-Liste. Aber was lange währt…
Was macht man eigentlich als Segelflieger, wenn man statt im Sommer nur im Winter Urlaub bekommen hat und trotzdem nicht aufs Fliegen verzichten möchte?
Eine Möglichkeit ist es dem Sommer auf die Südhalbkugel hinterher zu reisen und dort zu fliegen. Bekannte Ziele sind etwa Australien, Namibia oder eben Südafrika. Für mich war Südafrika am interessantesten. Konkret der Flugplatz Worcester nahe bei Kapstadt. Uwe, ebenfalls Mitglied im Segelflugverein Mannheim, verbringt seit vielen Jahren den Winter in Südafrika. Er war der richtige Ansprechpartner und auch Hassan wollte dieses Jahr wieder ein paar Wochen nach Südafrika zum Segelfliegen.
Ende Oktober flog ich also nach Kapstadt. Es war der dritte Langstreckenflug meines Lebens und ich kann sagen, ich bin nach wie vor kein Fan 😉 Uwe war zu der Zeit schon länger vor Ort und hat mich netterweise am Flughafen abgeholt. Dank seiner Tipps vorab, habe ich das Terminal auf dem schnellsten Wege und mit einer bereits aktivierten südafrikanischen SIM-Karte verlassen. Einfach schön, wenn sich jemand richtig gut auskennt. Wir sind dann erstmal zu einem Supermarkt gefahren, um die Grundversorgung für die ersten Tage zu sichern. Dann ging es weiter zum Flugplatz Worcester. Vor Ort wartete schon Rae auf mich und zeigte mir meine Unterkunft für die kommenden drei Wochen. Anschließend haben wir den Tag zusammen mit Hassan bei einem gemütlichen Abendessen ausklingen lassen.
Da am nächsten Tag kein gutes Flugwetter war, war auch Hassan am Boden und der Arcus stand im Hangar. Wir haben die Zeit dann produktiv genutzt und einige Dinge am Arcus optimiert bzw. repariert. So hat z.B. der Tank für Wasserballast im Heck eine neue Dichtung erhalten.
Am nächsten Tag ging es dann schon in die Luft. Hassan nahm mich im Arcus mit und gab mir eine Einweisung in das Fluggebiet. Er war bereits im Vorjahr in Worcester geflogen und wusste, worauf es beim Fliegen dort ankommt. Die Einweisung war gut, auch wenn ich sie nicht in vollen Zügen genießen konnte. Der Magen muss sich dann doch erst wieder etwas ans lange Fliegen im Doppelsitzer gewöhnen…
Was die Landschaft angeht, war es aber schon der totale Hammer. Da es an den Tagen zuvor ungewöhnlich viel geregnet hatte, waren überall an den Bergen kleinere und größere Wasserfälle zu sehen. Ein atemberaubend schöner Anblick. Im laufe der nächsten Tage sind diese mit dem Abtrocknen der Landschaft dann mehr und mehr verschwunden.
Wettergeschehen - Wie fliegt man rund um Worcester
Die darauffolgenden Tage mit gutem Flugwetter starteten dann immer mit einem wirklich guten Briefing eines Ortskundigen Piloten. Neben den Besonderheiten des betreffenden Flugtages wurde auch ganz allgemein auf das Wettersystem eingegangen und erklärt welche Bedingungen erfüllt sein müssen um für gutes Segelflugwetter in dieser Region zu sorgen.Ganz verkürzt kann man es wohl so zusammenfassen:
Worcester liegt in einem Gebiet an dem sich zwei Bergketten annähernd rechtwinklig treffen. Eine verläuft von Worcester ausgehend nach Osten. Sie liegt zwischen 50km und 80km entfernt von der Küste und verläuft annähernd parallel zu ihr. Die zweite verläuft von Worcester aus ca. 135km nach Norden.
In Worcester wird meist Hangflug eben entlang dieser Bergketten betrieben.
Es entsteht im Laufe des Tages ein Wettersystem welches mit einer Mischung aus Thermik, Wind und Seebriese entlang dieser Berge traumhafte Streckenflug Bedingungen schafft. Der Tag beginnt mit dem Entstehen der ersten Thermik an den Berghängen. Zusätzlich heizt sich die Landmasse zwischen Küste und Bergkette auf. Die erwärmte Luft steigt auf und es strömt vom kalten Meer her kühlere Luft nach. Nun wird die nachgeströmte Luft erwärmt, steigt auf und es bildet sich nach und nach ein Kreislauf. Eine Seebrise mit kontinuierlichem Wind vom Meer aufs Land. Diese Briese kann recht ungestört ins Landesinnere strömen, bis sie auf die angesprochenen Bergketten trifft. Dort steigt sie mit dem Gelände an und verstärkt die Thermik an den Hängen. Weht nun noch ein Wind aus südwestlicher Richtung, wird dieser von Thermik und Seebriese derart beeinflusst das er lokal seine Strömungsrichtung ändert und deutlich Richtung Hang abgelenkt wird. Auch dieser Wind verstärkt dann noch den Auftrieb entlang der Bergketten. Das ist das Rezept für richtig gute Wetterbedingungen in Worcester.
Diese Bedingungen erlauben es, mit einem Segelflugzeug hunderte Kilometer mit hoher Geschwindigkeit geradeaus zu fliegen, ohne einen einzigen Kreis machen zu müssen.
Wer an einem Tag möglichst weit kommen will, muss im vorhandenen Wetterfenster möglichst schnell vorankommen. Um eine möglichst hohe Schnittgeschwindigkeit zu erreichen, muss man recht nah an den Bergen fliegen und das Höhenband mit dem stärksten Aufwind finden und konsequent in diesem Fliegen. Es geht also weniger darum höher zu steigen, sondern viel mehr darum die Energie des Aufwinds in Vorwärtsgeschwindigkeit umzusetzen. Dennoch gibt es auch Schlüsselstellen vor deren erreichen man eine gewisse Höhe benötigt um sie sicher und gut (also auch ohne Zeitverlust durch verbasteln) zu passieren.
Des Weiteren gibt es öfter Wetterlagen bei denen Leewellen entstehen, die es erlauben in größere Höhen zu steigen oder es sogar ermöglichen über die Küste ein paar Kilometer nach Süden auf den Atlantik hinaus zu fliegen. Auch kann man bei entsprechendem Wind an manchen Stellen direkt an der Atlantikküste im Hangaufwind fliegen. (Diese beiden Spielarten waren mir aber leider nicht vergönnt…)
Es gibt auch ein paar weitere Besonderheiten die man beachten muss. So sind wir es aus Deutschland beispielsweise gewohnt, dass die Unterkanten der Kumuluswolken, die sich hier bei Wolkenthermik bilden, morgens eher niedrig sind und im Tagesverlauf immer weiter ansteigen. Die Wolken, die in Südafrika an den Hängen wie zuvor beschrieben entstehen, haben allerdings teilweise die Tendenz im Tagesverlauf immer weiter abzusinken. Grund dafür ist das nach dem Einsetzten der Seebrise immer mehr feuchte Luft vom Meer herantransportiert wird. Durch diese zusätzliche Feuchte entstehen die Wolken beim Aufsteigen der Luftmasse bereits viel früher. Also in geringeren Höhen. So kann es z.B. vorkommen, dass eine Strecke, die man vor einer Stunde noch fliegen konnte, nun unpassierbar geworden ist, da die Wolkenbasis viel zu tief liegt, um einen sicheren Flug entlang der Berge durchzuführen.
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt: Die Sonne steht auf der Südhalbkugel mittags im Norden, Hoch- und Tiefdruckgebiete drehen sich andersherum und auch die Sichel des Mondes befindet sich auf der anderen Seite als gewohnt.








Nach vier Flügen im Arcus mit Hassan und Uwe war die erste Woche um. Für die weiteren zwei Wochen hatte ich mir eine LS4 neo mit Jettriebwerk als Heimkehrhilfe gechartert. Darauf habe ich mich fast genau so gefreut wie aufs Fliegen in Afrika. Die hohen Erwartungen wurden dann auch erfüllt. Es hat richtig viel Spaß gemacht mit diesem wendigen Flieger die Berge entlang zu heizen. Besonders viel Spaß hat es gemacht, wenn man mit der LS4 als Clubklasse Flugzeug ohne Wasserballast mit den Profis im betankten Arcus mithalten konnte. Natürlich war das aber nicht der Regelfall, sondern dann doch eher die Ausnahme.
Flüge im Detail
Alle Flüge im Einzelnen zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Beitrages sicherlich sprengen. Sie können aber inklusive vieler Bilder hier selbst durchstöbert werden:
Alternativ: Direkt zu den Flügen auf WeGlide
Und wenn man schon mal da ist...
Bei all der Fliegerei befindet man sich aber trotzdem im Urlaub und für mich war es ja auch das erste mal in Afrika. Und da man Afrika ja wohl nicht verlassen kann ohne einen Elefanten gesehen zu haben, stand auch noch ein Besuch im Addo-Elephant-Park auf dem Programm. Hat nichts mit fliegen zu tun, war aber eines der beeindruckendsten Dinge die ich bisher erleben durfte.


Und ehe man sich versieht, sind drei Wochen auch schon wieder um. Beim Warten aufs Boarding für den Rückflug habe ich dann endlich angefangen das Buch zu lesen welches ich mir für den Urlaub mitgenommen hatte. Man kommt halt einfach zu nichts…
Es war eine schöne Zeit. An die vielen tollen Flüge aber vor allem an die atemberaubende Schönheit der Natur und die beeindruckenden Sonnenuntergänge werde ich mich noch lange gern erinnern.






Text & Fotos: Stefan Kleiber

