Streckenfluglager 2020 in Eisenhüttenstadt

Geschrieben von Leif Schreiber am 28.09.2020 um 08:33 Uhr


Im Vorfeld der Saison standen zahlreiche Vorschläge für das Vereinsfluglager im Sommer 2020 im Raum. Während Dieter als Ausbildungsleiter bereits eine Zusage aus Kirchzarten im Schwarzwald hatte, hatte Michael als Streckenflieger Kontakt mit Bekannten aus dem FSV Eisenhüttenstadt aufgenommen, um unseren Verein mit dem Versprechen hervorragender Streckenflugbedingungen an die polnische Grenze zu locken. Nachdem die Wahl für das einwöchige allgemeine Fluglager, auch aus Entfernungsgründen, schließlich auf Kirchzarten gefallen war, kam unter einigen streckenflugbegeisterten Mitgliedern des SFV Mannheim die Idee auf, zusätzlich die Zelte ein weiteres Mal für ein Streckenfluglager in Eisenhüttenstadt aufzuschlagen. Das Organisatorische war schnell geklärt, die Eisenhüttenstädter empfingen uns mit offenen Armen zwischen 1. und 9. August 2020, als zeitgleich auch ihr Fluglager am eigenen Platz stattfand. Dazwischen stand „nur“ noch eine Fahrt über 700km, die mit Flugzeuganhängern im Schlepptau zu einer Geduldsprobe wurde, aber – bis auf eine Fast-Havarie des DG1000-Hängers bei der Einfahrt zum Flugplatz – erstaunlich ruhig und ansonsten „reibungslos“ verlief. 

Angereist waren wir zu sechst, mit zwei LS4en, der LS8 und der DG1000 des Vereins und einer privaten LS3. Damit war jeder von uns in der komfortablen Situation, jeden Tag ganztägig einen Sitzplatz in einem Flieger besetzen zu können und sich nur entscheiden zu müssen, ob man ein- oder doppelsitzig fliegen möchte. Fliegerisch lagen zwar bereits einige Streckenflüge hinter uns, aber niemand von uns würde sich vermutlich selbst schon als Streckenflug-Profi bezeichnen. Daher war es unser Ziel, neue Streckenflugerfahrungen in einem uns bislang unbekannten Segelfluggebiet zu sammeln, das zugleich gute Thermik, aber auch genügend Arbeitshöhe (Flachland) verspricht und aufgrund der guten Außenlandemöglichkeiten auch Fehler verzeiht. Der Flugplatz Eisenhüttenstadt bot sich dafür in besonderem Maße an: Neben einem lebendigen Verein, der uns sehr offen aufgenommen und in seinen Flugbetrieb bestens integriert hat, trugen die lange Windenschleppstrecke und die „Hausbärte“ in der Umgebung des Platzes dazu bei, dass fast jeder Streckenflug aus der Winde begonnen werden konnte und so auch bei Thermikbeginn eine rasche Startfolge möglich war. War man dann „hängen geblieben“, sind thermisch vielversprechende Streckenfluggebiete in fast jeder Himmelsrichtung zu finden: im Westen, wo die „Rennstrecke“ südlich des Berliner Luftraums mit dem Fläming wartet, Polen im Osten, wo etwa der „Zauberwald“ angeflogen werden kann, oder der Süden, wo das Erzgebirge oder Tschechien zu ausgedehnten Streckenflügen einladen.Wettermäßig begann das Streckenfluglager zunächst durchwachsen. Nachdem einige von uns schon freitags angereist waren, wurden am Samstag (01.08.) schon einige kurze Flüge bei mäßiger Blauthermik unternommen, um zumindest einige Punkte für die Bundesliga zu sammeln. Auch sonntags (02.08.) und montags (03.08.) war aufgrund vollständiger Abdeckung nicht wirklich an Streckenflug zu denken. Diese Tage wurden dann aber für den Aufbau der übrigen mitgebrachten Flugzeuge, Verwandtschaftsbesuche und einen Ausflug über die polnische Grenze genutzt, bis sich dann am Montagnachmittag doch noch die Sonne zeigte und uns die Eisenhüttenstädter bereitwillig einluden, mit Boccian und SZD Pirat uns neue Flugzeugmuster zu erfliegen.

Foto: Thomas und Kurt (FSV Eisenhüttenstadt) im Boccian

Foto: Eisenhüttenstadt mit dem Flugplatz EDAE (Bildmitte)

Am Dienstag (04.08.) ging es dann thermisch allmählich los. Die Luft war zwar noch recht feucht und die Thermik zerrissen, aber mit Genugtuung stellten wir abends fest, dass trotz PFD (potenzieller Flugdistanz laut Vorhersage) von 0 schöne erste Streckenflüge nach Norden entlang des Oderbruchs auf der polnischen Seite (und wieder zurück zum Platz) mit 1800m Wolkenbasis möglich waren. 

Foto: Flug entlang der Oder

Für Mittwoch (05.08.) waren erstmals Bedingungen vorhergesagt, die längere geplante Streckenflüge zulassen sollten: vormittags gute Thermik mit Cumuli, die allerdings nachmittags nahezu vollständig abtrocknen sollten. An diesem Tag kamen Flüge in alle Himmelsrichtungen zwischen etwa 300 und 400km zusammen – wobei der ein oder andere in der Blauthermik nachmittags durchaus seine Komfortzone verlassen musste (siehe den Flugbericht von Ruprecht). 

Donnerstags (06.08.) gab’s dann vollständig blauen Himmel, vorhergesagt war aber auch gute Blauthermik. Während manche von uns an diesem Tag lieber in Platznähe blieben, trauten sich andere weiter weg: Till gelang ein ‚Ausflug‘ zur monumentalen Jesus-Statue in Swiebodzin (Polen) – immerhin die weltgrößte Christusfigur, höher als in Rio. Martin und Philipp übten sich in der DG1000 in guten Nerven bei einem Zielrückkehrflug ins östliche Sachsen-Anhalt (siehe den Flugbericht von Philipp).

Der Freitag (07.08.) lieferte dann thermisch schonmal einen Vorgeschmack auf das, was uns am nächsten Tag erwarten würde. Es ging schwach los, viele von uns hatten Probleme, vom Platz wegzukommen – manchem kam es so vor, als habe er zwischenzeitlich das Fliegen verlernt. Trotzdem zog es alle von uns in den Süden, manche gar ins Drei-Länder-Eck Deutschland – Polen – Tschechien. Nachdem der Hinweg gegen den Südostwind zäh verlief, bildeten sich nachmittags imposante Wolkenstraßen, die richtig Spaß machten und dazu einluden, den Flug abends noch ein gutes Stück zu verlängern.

Foto: Blick auf Görlitz

Für unseren letzten Flugtag in Eisenhüttenstadt war dann „Hammerwetter“ vorhergesagt. Und die Meteorologen sollten recht behalten: Eine Wolkenbasis von bis zu 2700m und Steigwerte jenseits von 4 und 5 m/s ermöglichten schnelle und weite Flüge – einige von uns erzielten neue persönliche Bestleistungen. Diesmal nutzte jeder den Tag für unterschiedliche Flugstrecken: Ruprecht wagte es als Einziger während des Streckenfluglagers, den großen Berliner Luftraum im Uhrzeigersinn zu umrunden. Till gelang es, den Luftraum Dresden zu umrunden. Martin und Julian in der DG 1000 zog es nach Polen, Thomas nach Görlitz. Bis zu mehr als 600km wurden jeweils an diesem außergewöhnlich guten Tag geflogen (siehe auch den Flugbericht von Philipp). Am Abend gab es schließlich einen doppelten Klassenaufstieg zu feiern: Der FSV Eisenhüttenstadt machte den Aufstieg in die 1. Segelflug-Bundesliga perfekt, während insbesondere der Flug von Michael mit sagenhaften 158 km/h Schnitt für die Bundesliga-Wertung dafür sorgte, dass sich der SFV Mannheim vorzeitig den ersten Platz der Quali-Liga und damit den Aufstieg in die 2. Segelflug-Bundesliga sichern konnte. 

Foto: Nach dem Streckenflug-Finale – Sonnenuntergang in Eisenhüttenstadt

Dieser letzte Tag markierte zugleich einen gelungenen Abschluss unseres Streckenfluglagers, bei dem insgesamt 6700 OLC-Kilometer auf den Vereinsmaschinen zusammenkamen – und das alles ohne eine Außenlandung. In den Augen aller Beteiligten war das Streckenfluglager ein voller Erfolg, weil letztlich alles passte: 

…Mit dem FSV Eisenhüttenstadt ein toller Verein, der uns äußerst gastfreundlich aufnahm
…Ein Flugplatz mit guter Infrastruktur in einer thermisch attraktiven Region, vor allem in der zweiten Wochenhälfte gutes Flugwetter
…Genügend Sitzplätze in Vereins- bzw. Privatmaschinen, sodass jeder jeden Tag auf Strecke gehen konnte – wofür wir dem Vorstand unseres SFV Mannheim danken
…Gute Stimmung über die ganze Woche hinweg, stets zwischen Trainingslager- und Lagerfeuer-Atmosphäre, die beides ermöglichte: streckenfliegerische Weiterentwicklung für alle Beteiligten und zugleich Urlaub auf einem der östlichsten Flugplätze Deutschlands.

Text: Philipp Mai
Fotos: Segelflugverein Mannheim e.V.